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Selbstbild

Entry created on 2024-10-19 Authors: steeph (376) Categories: #100DaysToOffload (41) Migration (1) Selbstbild (1) Languages used: de (90) edit

Letztens habe ich mich mit jemandem unterhalten, der eine Sicht auf seine Rolle als Deutscher mit Migrationshintergrund in der Deutschen Gesellschaft hat, die ich, in diesem Ausmaß, noch nie zuvor wahrgenommen habe. Er bezeichnet sich selbst als Kanacke, wenn er seine Wahrnehmung seiner Position in der Gesellschaft beschreibt, um deutlich zu machen, dass ihm bewusst ist, wie er häufig wahrgenommen wird. Er wurde beim Autofahren schon oft angehalten, nur um ihm nach einem Fahrerlaubnischeck mit der Bitte, vorsichtig zu sein, wieder weiterfahren zu lassen. Eine Erfahrung, die ich als weißer Deutscher, obwohl ich jahrelang Vialfahrer war, nie gemacht habe. Ich weiß aber aus anderen Gründen zumindest, wie es ist, an Bahnhöfen und auf großen Plätzen von der Polizei, meiner Meinung nach anlasslos, kontrolliert zu werden. Man gewöhnt sich dran und wenn es zu viel wird beginnt man, sich unauffälliger zu kleiden und so zu verhalten, wie man vermutet, dass es von einem erwartet wird. Als Weißer habe ich die Option, dieses Spiel so weit mitzuspielen, dass ich gar nicht mehr kontrolliert werde. Aber wer als Außenseiter behandelt wird, ohne etwas dagegen tun zu können, lernt, sich mit dieser Rolle zu identifizieren. Genau so verhält es sich, so nehme ich an, wenn einem immer wieder gezeigt wird, dass man als Gefahr, als verdächtig oder als jemand, der beobachtet, kontrolliert und in Schach gehalten werden muss, betrachtet wird. Es wird Teil der Identität, die auch aus dem Selbstbild mit geformt wird, das andere einem aufdrängen.

Das alleine wäre schon genug, um darüber nachzudenken und daraus Schlüsse für viele Aspekte des eigenen Lebens zu ziehen. Den nächsten Teil der Unterhaltung aber habe ich als Anlass genommen, das hier zu schreiben. Es fühlt sich wie ein Geständnis an jetzt zu sagen: Mit so einer Sichtweise habe ich nicht gerechnet. Offenbar ist er selbst davon überzeugt, dass zu einer Rasse gehört, die in der Gesellschaft weniger zu sagen hat, als "deutsche" Deutsche, dem Schicksal, Verbrechen leicheter zu verfallen, als Weiße, ausgeliefert ist und aufgrund ihres Neurotyps weniger wert ist, als leistungsfähige "richtige" Bürger. Die Überzeugung, dass er für mindestlohn arbeiten muss, sich einer Peergroup, die zu Gewaltverbrechen neigt, zugehörig fühlen muss und Auto fahren muss, wie ein Geisteskranker auf Todesfahrt, um seiner Identität zu entsprechen, scheint groß zu sein.

Meine Gedanken zu dem Thema waren seit letztens vielfältig, führen aber zu nichts, was ich als brauchbar bezeichnen möchte. Ich müsste noch mal mit anderen darüber reden.

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Ein Wahnsinnsroman

Entry created on 2024-10-02 Authors: steeph (376) Categories: #100DaysToOffload (41) Books (1) Menschenangst (1) Languages used: de (90) edit

Also, ich mach' ja keine Buchempfehlungen. Also, eigentlich. Dazu hab' ich auch gar nich' genug Ahnung von Büchern. Oder von Literatur und so. Und ich les' ja auch fast nie ein Buch. Deswegen will ich eigentlich immer gleich empfehlen, was ich gelesen habe, weil es immer was besonderes für mich is'. Aber mach' ich dann halt nie, weil das wäre einfach nur eine Liste von Büchern, die ich mal gelesen habe, was nicht von Qualität oder anderen guten Eigenschaften des Buchs zeugt, sondern nur der Tatsache, dass es mir mal unter kam und sich mir nicht in einer abstoßenden Art präsentierte. Für dieses hier mach' ich jetz' aber mal 'ne Ausnahme, weil es mir so vor kommt, als sei dieser Humor irgendwie so kleinnieschen-füllend, dass es wahrscheinlich nicht groß durch alle Blogs und Fediverse-Teilnehmer rum-empfohglen wird. Das wurde es bestimmt als es 2011 raus kam (bei Dumont), als sein Autor auf Twitter eine recht große Folgschaft hatte. Da hab' ich auch beschlossen, es zu kaufen. Ca. 6,7 Jahre später kam ich dann auch endlich mal dazu. Noch mal ca. 6,7 Jahre später kam ich dann auch endlich mal dazu, es zu lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Das Buch ist tatsächlich so verrückt und lustig, wie sich sein Autor damals auf Twitter gab.

Ach, ich sollte mal sagen, wovon ich rede. Entschuldogen Sie meine Störung von Jan-Uwe Fitz (Ich weiß bis heute nicht, wozu er einen Doppelname hat. Aber muss er ja wissen.) trägt den Untertitel "Ein Wahnsinssroman", vermutlich um darauf hinzuweisen, dass der Autor wahnsinnig ist, oder der Protagonist. Wobei nahegelegt wird, dass zwischen den beiden so absolut gar kein Unterschied besteht. Der Protagonist referenziert im Buch selbst, eben dieses gerade zu schreiben. Also muss ich doch davon ausgehen, dass an keiner Stelle darin irgendwelche Übertreibungen oder rein dem Witz oder der Absurditätssteigerung dienenden Falschbehauptungen vorkommen. Das beides doch tatsächlich der Fall ist macht einen Teil des Reizes aus. Etwa wenn er von Misshandlunegn durch seine Eltern in seiner Kindheit erzählt, ist es vorstellbar, dass derartige Dinge in manchen Haushalten wirklich passieren oder so erinnert werden. Mit Humor darüber sowohl zu schreiben als auch zu stehen ist auch eine Möglichkeit, die ich niemandem absprechen möchte. Absurd-extreme Reaktionen und Geschichten sind aber so häufig, dass selbst ich mit meiner Nativität annehmen muss, dass ein nicht gerade kleine Portion Fiktion in die Geschichten eingeflossen sein muss, um mein Menschenbild aufrecht erhalten zu können. Ich kann nur vermuten, dass vieles auf wahren Begebenheiten beruht und echte Erlebnisse in Geschichten ein- oder zu solchen verarbeitet wurden. Da ich als Leser den Unterschied nicht ausmachen kann, habe ich das ganze Buch als einen Roman betrachtet, der der Unterhaltung dienen soll. Ich finde, so präsentiert er sich auch.

Wenn die Förster ein Einsehen mit uns Paranoikern hätten, würden sie mehr Spiegel in deutschen Wäldern anbringen. Solche Spiegel, wie sie im deutschen Straßenverkehr an Schwer einzusehenden Kreuzungen un Einfahrten hängen. Dann könnten wir früh genug hinter die Bäume blicken und würden, falls wir dort einen Räuber erspäten, entweder einen anderen Weg einschlagen oder, falls die Luft rein ist, beruhigt weiter unserer Wege gehen. Aber wir Paranoiker haben keine so starke Lobby wie die Autofahrer.

Jan-Uwe Fitz, im Netz auch bekannt als Der Taubenvergrämer (@vergraemer@twitter.com) gehtz sehr offen damit um, dass er selbst mit einer Menschenangst ausgestattet ist, die sein ganzes Leben und seinen Alltag stark beeinflusst. Sicherlich ist vieles in dem Buch auch eine Art Aufarbeitung von Erlebtem und fantasiertem. Die kompromisslos absurde Fantasie, der augenscheinlich in keiner Situation Einhalt geboten wird, prägt jede Geschichte des Buchs. Konversationen, die an britische Sketch-Shows aus den 80ern (Jaja, ich meine Monthy Python, weniger das, was versucht hat, deren Erfolg nachzubilden.) oder den frühen 90er erinnern, aber auf deutsch halt und mit einer Prise Wahnsinn, die der Protagonist doch oft sehr offensiv anspricht.

Ausschnitt aus einem längeren Dialog:

»Sie klingen sehr erfahren. Sind Sie schon häufiger Amok gelaufen?«

»Nein, zum ersten Mal. Finden Sie, ich mache das gut?«

»Ja, aber was mich noch interessieren würde: Man hat ja nicht immer die Chance, einen Amokläufer nach seinen Motiven zu befragen. Also: Spielen Sie viele Computerspiele?«

»Gar nicht.«

»Dann kann das nicht der Grund sein.«

»Nein, ich gebe der Gesellschaft die Schuld. Zu viele Menschen, die in meiner Gegenwart laut telefonieren zum Beispiel.«

»Das ist ein Motiv. Aber sagen Sie: Müssten Sie nicht vielleicht etwas fester zudrücken? Damit ich keine Luft mehr bekomme?«

»Sie bekommen noch Luft?«

»O ja. Hören Sie mal.«

Ich atme tief ein und aus wie ein Patient, der von seinem Arzt mit dem Stethoskop abgehört wird.

»Sie erstaunen mich. Sie zäher Hund. Dann sollte ich tatsächlich noch stärker zudrücken.« Herr Menke wirkt leicht verunsichert. »Wenn Sie am Ende nicht tot sind, ist so ein Amoklauf ja auch blöd.«

Er drückt nun tatsächlich etwas fester zu.

»Und? Jetzt besser?«

»Joh, etwas«, presse ich angestrengt hervor, weil er tatsächlich stärker zudrückt. »Aber sagen Sie mal: Darf ich mich als Opfer eigentlich wehren, oder gibt es Amoklaufkonventionen, die ich zu beachten habe?«

»Nein, das hängt vom Be-Amokten ab. Das muss jeder für sich entscheiden.«

Der erste Teil des Buchs ist eine gut sortierte Sammlung von Kurzgeschichten. Richtig kurz manchmal. Für eine Sketch-Show ohne Regeln genau das richtige. Interessante Momente und abstruse Gedanken, die vermutlich mal raus mussten. Der gemeinsame Kontext ist das Leben des Protagonisten, aus dem die Geschichten stammen. Der zweite Teil ist eine längere, zusammenhängende Geschichte über das Bestreben einen guten Therapieplatz zu bekommen/in eine Nervenheilanstalt einzubrechen und sich einen freien Platz zu ermorden. Der dritte Teil ist kurz.

Oft nahm mich mein Vater zur Seite und sagte »Sohn, du hast so viele Ängste. Mach etwas aus ihnen.« Dann zuckte er zusammen, weil er durch mein Kinderzimmerfenster die Birke im Vorgarten sah. »Siehst du«, sagte er traurig. »Ich habe nur meine Angst vor Bäumen. Aber in dir steckt so viel mehr. Du bist voller so wunderbarer Phobien. Ich werde dich moren in der Störungsstelle anmelden, damit deine Talente gefördert werden.«

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Deutsche Untertitel für A Brony Tale

Entry created on 2024-07-18 Authors: steeph (376) Categories: #100DaysToOffload (41) Bronies (2) Documentary (1) Fandom (1) Films (22) My Little Pony (10) Subtitles (1) Languages used: de (90) edit

Es gibt da eine weniger bekannte Dokumentation über Bronies, als die Bronies-Doku. Auch über die bekannte von John de Lancie gäbe es etwas zu schreiben. Aber egal. Einfach vergessen. Die muss nicht gekauft werden. Interessanter (auch weil weniger bekannt) ist die Doku mit dem Titel A Brony Tale.

A Brony Tale von Brent Hodge gibt einen Einblick in das Fandom von My Little Pony: Friendship is Magic indem die Frage "Was sind Bronys" langsam und aus der Sicht von Ashleigh Ball beantwortert, während sie entscheidet, ihre erste Brony-Convention zu besuchen und Fans ihrer Voice-Arbeit trifft. Ashleigh Ball kennt ein Publikum von Fans bisher nur von Konzerten ihrer Band. Als Sprecherin zweier Hauptcharaktere in der Animationsserie (im englischsprachigen Original) wurde sie aber auch unter Bronys ein Name und häufig zu Panel auf Fan-Conventions eingeladen. Es gibt auch Einschätzungen anderer zu dem Fandom, aber keine wirklich kritische Beurteilung oder negative Betrachtungsweise. Ein guter Film für jemanden, den die Frage oder das Thema interessiert. Aber keiner, der weit ins Detail geht oder viel Wissen über die Subkultur vermitteln will. Die Bewertungen haben recht viele Ausreißer nach oben und untern, liegen aber größtenteils im unteren Mittelfeld. Also, nichts besonders Tolles, aber als Teil des Fandoms fand ich ihn sehr gut.

Nachdem der Film veröffentlicht wurde gab es wohl auch mal Pläne, ihn im deutschen TV zu zeigen. Jedenfalls hatte mir Brend Hodge derzeit glaubhaft gemacht, dass es Interesse eines Senders gegeben hätte und quasi nur noch ein Termin gefunden werden musste. Ich hatte damals meistens Zeit und Kopfkapazitäten frei und habe gerne und viel an Gemeinschaftsprojekten mitgearbeitet oder bei Crowd-Sourcing-Aktionen mitgemacht. Mein Angebot, dass ich die deutschen Untertitel für den Film schreibe, um eine Entscheidung für die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen wahrscheinlich zu machen, nahm er dankend an. So habe ich gelernt, Untertitel zu schreiben. Praktischerweise gibt es gute freie Software, die die Arbeit erleichtert. Als professionell ist das Ergebnis sicherlich nicht anzusehen. Die Zeilen sind viel zu verbos und bestimmt hier und da zu direkt übersetzt. Aber ich halte das Ergebnis für benutzbar und frei von Fehlern. Aus der Ausstrahlung ist wohl nichts geworden. Vielleicht war es auch ein Missverständnis, weshalb ich danach nie wieder von ihm gehört/gelesen habe.

Aber die Untertiteldatei wollte ich dann doch mal irgendwo veröffentlichen, weil sich das mit brauchbarer Software so gehört. SRT und XML (SubtitleEdit-Datei, nicht TTML) sind im Anhang verlinkt. Der eigentliche Film nicht, weil ich das bestimmt nicht darf. Schade. Naja. Keine Ahnung wie brauchbar die Untertitel heute noch sind, bei den ganzen Tools, die die Untertitel-Arbeit mehr als nur vereinfachen.

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Entry created on 2022-10-06 Authors: steeph (376) Categories: Memes (3) Pictures (61) Ukraine (1) Languages used: de (90) edit

Als Merkel neulich "Ukarine" versprach, musste ich an Früchte denken.

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Eine Hand zeigt präsentierend auf an einem Strauch oder Baum hängende Früchte, die wie Mandarinen aussehen, aber blau und gelb sind (die obere Hälfte blau, die untere Hälfte gelb, wie die Ukrainische Flagge). Darunter steht "Ist das eine Ukarine?"
Eine Hand zeigt präsentierend auf an einem Strauch oder Baum hängende Früchte, die wie Mandarinen aussehen, aber blau und gelb sind (die obere Hälfte blau, die untere Hälfte gelb, wie die Ukrainische Flagge). Darunter steht "Ist das eine Ukarine?"
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The Old Fediverse

Entry created on 2022-10-30 Authors: steeph (376) Categories: Fediverse (2) Internet (3) Social Media (2) Thoughts (73) Web Browsers (5) World Wide Web (10) Languages used: de (90) edit

Gestern dachte ich mir: Wieso gab es früher (vor 2016? 2015?) so wenige starke Bestrebungen, ein Fediverse in Form von Sozialen Netzwerken zu entwickeln?

Die häufig verwendeten Vergleiche Telefon- und E-Mail-Netz sind ja nicht die einzigen Beispiele dafür, dass es sinnvoll ist und funktioniert. In der Geschichte des Internetz waren schon fast von Anfang an fast alle und so gut wie alle weit verbreitet eingesetzten Protokolle dezentral aufgebaut.

Ich denke es liegt daran, dass es das Web schon gab und Menschen, die Dienste baueten, versucht haben, so wenig wie möglich neuzuerfinden. Es heißt ja in Sprichworten, das Rad neu zu erfinden sei Recourcenverschwendung und produziere neue Rad-Varianten mit neuen Nachteilen, die tendenziell überengineert sind. Und nicht nur Unix-Fans finden, dass Technologien simpel und modular aufgebaut sein sollten. Das Web ist schon dezentral. Und es gibt schon lange genug Technologien, mit denen die Funktionen der großen, beliebten Sozialen Netzwerke abgebildet werden können. Weblogs mit öffentlichen oder auf Mail basierenden Kommentaren, Pingbacks, Commented Re-Shares, … Und um den Content so wie er in App oder Webseite üblicherweise von Menschen abgerufen wird darstellen zu können braucht es auch heute nichts als einen Webserver, HTML und CSS.

Dass ein eigenes Protokoll dafür benötigt wird, um Plattformen zu bauen, die von Massen akzeptiert und zügig adaptiert werden, obwohl es seinerzeit Facebook, Twitter und Co. auch nicht brauchten; das ist eine Einsicht, die von der entwickelten Community erst mal breit angenommen werden musste.

Mit dem World Wide Web hat sich das Internet bzw. dessen Nutzung sehr weit verbreitet. Aber das liegt nur teilweise an den Möglichkeiten im und Fähigkeiten des Webs. Unkonventionelle, textbasierte Kommunikationsformen, auch mit großer Asynchronität zwischen Sender- und Empfängerzahlen, waren schon vorher die größte Stärke des Internets. Von daher finde ich es richtig, in Teilen gut vergleichbare Massenkommunikationsplattformen aus Vor-Web-Zeiten Fediverse zu nennen. (Zuerst stieß mir das ein wenig auf.) Das war ein guter Gedankenstarter.

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Welche Wirkung hat tACS auf Traumklarheit?

Entry created on 2017-03-22 Authors: steeph (376) Categories: LuCiD (1) Lucid Dreaming (12) Research (3) Science (6) Languages used: de (90) edit
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 22.03.17 unter http://lucidpygar.blogspot.com/2017/03/welche-wirkung-hat-tacs-auf.html

Dieser Blogpost entstand in Zusammenarbeit mit Sandu Kavah, Youtuber und Blogger von Traumbewusst und steeph, dem Gründer des BLucid-Podcasts. Ich bin sehr froh, ihn hier veröffentlichen zu können und möchte steeph und Sandu für die Zusammenarbeit danken.

Eine Studie, die am 11. Mai 2014 im Magazin Nature veröffentlicht wurde, sorgte in der Klarträumer-Community für ziemlichen Wirbel. Ein Team von Forscherinnen und Forschern gelang es angeblich, das Gehirn schlafender Menschen mit sehr schwachem Wechselstrom (transkranielle Wechselstromstimulation, tACS) so zu stimulieren, dass daraus in 77% der Fälle ein Klartraum resultierte. Die Studie wurde von namhaften Traumforschern durchgeführt, unter anderem von Dr. Ursula Voss von der J.W.v.Goethe-Universität in Frankfurt und Dr. Allan Hobson von der Harvard Medical School in Boston.

Die Ergebnisse lösten teilweise große Begeisterung in der Community aus. Endlich schien der Traum von quasi nächtlichen Klarträumen ohne großen Aufwand in greifbare Nähe gerückt. Es schien so einfach.

Die Werte verdienen jedoch eine genauere Untersuchung. Woher kommt die Hoffnung, dass eine Stimulation des Gehirns mit Wechselstrom, verglichen mit anderen Induktionsvarianten, sehr zuverlässig Klarträume erzeugen könnte? Was ist wirklich bekannt über dieses Verfahren? Und wie fügt es sich in andere Praktiken der Klartrauminduktion ein?

Stromstöße, tDCS, tACS, Präfrontaler Kortex

Schon in den frühen 1980er Jahren wurden von Keith Hearne vereinzelt Experimente mit elektrischem Strom zur Klartrauminduktion durchgeführt. Dabei wurde ein elektrischer Impuls verwendet, um dem Träumer ein Signal zu geben, an dem er erkennen sollte, dass er gerade träumt. Das Prinzip ist hier das gleiche, wie das der Klartrauminduktion durch blinkende Lichter, Wasserspritzer oder Audio-Botschaften während des Schlafs. tDCS und tACS verfolgen einen ganz anderen Ansatz: Durch einen niedrigen Gleich- bzw. Wechselstrom durch den Schädel und somit das Gehirn soll dieses angeregt werden, im stimulierten Bereich aktiv zu werden. Es ist also eine Form von Entrainment.

Welche mentalen Funktionen dazu führen, dass das Gehirn in bestimmten Zuständen und bei bestimmten Aktivitäten immer ähnliche Oszillationsmuster erzeugt, ist noch weitgehend unbekannt. Die Hoffnung ist bei tDCS (Transcranial direct current stimulation, also die Stimulation des Gehirns mit Gleichstrom), dass der Bereich des Hirns, durch den der Strom fließt, aktiviert wird und auch nach Ende der Stimulation weiter aktiv bleibt oder bei regelmäßiger Anwendung leichter durch mentale Übungen aktiviert werden kann. Bei tACS (Transcranial alternating current stimulation, also der Stimulation mit Wechselstrom) hofft man zusätzlich, dass die Stimulation mit einer bestimmten Frequenz dazu führt, dass das Hirn einen Zustand einnimmt, in dem typischerweise auch diese Frequenz abgegeben wird.

Die Wirkungen von tDCS wurden schon in vielen Zusammenhängen untersucht. Als Behandlung von Depression gab es dabei einige Erfolge. Andere Anwendungen werden zwar weiter erforscht, z.B. die Steigerung verschiedener geistiger Leistungen, ein weiterer eindeutiger Nutzen wurde allerdings noch nicht mit Sicherheit gefunden.

In einer früheren Studie konnte gezeigt werden, dass bei klar träumenden Personen das Gehirn im Stirnbereich, genauer im dorsolateralen präfrontalen Kortex stärker auf der Frequenz von 40 Hz arbeitet als bei trüb träumenden. Dieses Verhalten ist üblicherweise im Wachen festzustellen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass das im Traum dazu gewonnene Bewusstsein und die erhöhte Aktivität des präfrontalen Kortex eng miteinander verbunden sind. Wahrscheinlich löst das eine das andere aus. Die Frage ist nun, ob eine externe Stimulation des Bereichs möglicherweise den Bewusstseinszustand ändern oder zumindest eine Änderung anregen kann.

tDCS-Studie von Tadas Stumbrys

2013 testeten Tadas Stumbrys, Daniel Erlacher und Michael Schredl (Volltext) die Wirkung von transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) am präfrontalen Cortex auf Träume, um zu prüfen, ob diese die Bewusstheit im Traum erhöhen kann.

Der dorsolaterale präfrontale Kortex von 19 Versuchspersonen wurde während eines Aufenthalts im Schlaflabor mit Gleichstrom (1 mA) stimuliert bzw. erhielten die Probanden eine Scheinstimulation als Placebokontrolle.

Während der Nächte mit Stimulation waren die Traumberichte signifikant länger. Traumberichte aus tDCS-Nächten hatten eine durchschnittliche Länge von 159,9 Wörtern während Traumberichte aus Nächten ohne Stimulation im Schnitt lediglich 116,6 Wörter aufwiesen. Die Teilnehmenden wie auch externe Gutachter bewerteten die Träume deutlich häufiger als luzid.

Die Gutachter bewerteten 10% der Traumberichte aus Nächten mit Stimulation und 5% der Träume aus Nächten ohne Stimulation als Klarträume. Jedoch zeigte sich, dass nur erfahrene Klarträumer von der Stimulation profitierten.

Die Autoren vermuten, dass für die Klarheit im Traum die Aktivierung eines weiten Netzwerkes im Gehirn nötig ist. Das kann etwa durch Veranlagung oder möglicherweise durch Klartraumtraining und -erfahrung ausgebildet werden.

tACS-Studie von Ursula Voss

Nach dem gleichen Prinzip, aber mit einer anderen Messmethode, haben Ursula Voss und ihr Team untersucht, ob eine Wechselstromstimulation ebenfalls eine positive Auswirkung auf Traumklarheit hat. Das Ergebnis ist allerdings nicht so eindeutig, wie es meistens kommuniziert wird. Zwar steht in der Studie recht eindeutig, dass bei einer Stimulation mit 40 Hz in 77% der Fälle luzide Träume/Klarträume festgestellt worden seien. Die Definition für einen Klartraum entspricht hier aber nicht der üblichen. Um die Daten richtig interpretieren zu können, müssen wir uns das verwendete Messverfahren ansehen.

Die LuCiD-Skala

Um die Bewusstheit im Traum vergleichen und beurteilen zu können, wurde in einer früheren Studie von einem Forscherteam, ebenfalls um Ursula Voss und Allan Hobson die LuCiD-Skala (Measuring Consciousness in Dreams : The Lucidity and Consciousness in Dreams scale - U. Voss et al./ Consciousness and Cognition 22 (2013) 8-21) entwickelt.

Mit dieser können die Träume von Versuchspersonen hinsichtlich des Grades der Bewusstheit untersucht werden. Dafür beantwortet der Träumer einen Fragebogen mit 27 Fragen zum Erlebten. Aus den Antworten wurden in besagter Studie 2013 die Faktoren Insight, Control, Thought, Realism, Memory, Dissociation, Negative Emotion und Positive Emotion gebildet. Über eine Liste von Fragen, die der Teilnehmer subjektiv auf einer Skala von 0 bis 5 beurteilen kann, werden diesen einzelnen Faktoren Werte und Gewichtungen zugewiesen.

Typische Fragen sind zum Beispiel:

Während ich träumte, war ich mir darüber bewusst, dass alles, was ich während des Traums erlebte, nicht real war. (Insight)

oder

Während ich träumte konnte ich übernatürliche Handlungen durchführen (wie Fliegen oder Durch-Wände-Gehen). (Control)

In der Studie aus dem Jahr 2013 wurden einmal 160 Träume, davon 50 Klarträume und zur Validierung der Skala 151 weitere Traumberichte überprüft.

Betrachtung der Daten

Ein, wenn nicht der, Kritikpunkt an der tACS-Studie ist die sehr beliebige Definition des Begriffs ‘lucidity’. (Einen guten, kritischen Überblick auf englisch hat Neurocritic in einem Blogartikel verfasst.) In der Studie wird jeder Traum als Klartraum (lucid dream) bezeichnet, der in den Werten ‘Insight’ oder ‘Dissociation’ der LuCiD-Skala um zwei Standardabweichungen erhöhte Werte aufwies.

“Assumption of lucidity. Lucidity was assumed when subjects reported elevated ratings (>mean + 2 s.e.) on either or both of the LuCiD scale factors insight and dissociation. Both factors were significantly correlated (r = 0.32, P = 0.000002), suggesting a high degree of shared variance.” [Markierung von den Autoren]

Insight bedeutet hierbei die Einsicht in den Traumzustand, was der üblichen Definition eines Klartraums entspricht. Dissociation bedeutet das losgelöste Betrachten der Traumsituation z.B. aus der 3.-Person-Perspektive. - Dies ist streng genommen ein sehr, sehr unübliches Kriterium für einen Klartraum. Diese Definition der Klarheit wird allerdings nur von wenigen Forschern, z.B. Charles Tart verwendet (Siehe: Ursula Voss - Neuronale Grundlagen des luziden Träumens). Die Mehrzahl der Klartraumforscher (LaBerge, Tholey, Erlacher, Schredl) verwenden diese Definition in ihren Veröffentlichungen nicht. Wieso haben Voss et al. dies dennoch als Klartraum deklariert?

In der Studie von 2013, die die LUCiD Scale begründete, wurden die vorhin genannten 8 Faktoren im Zusammenhang mit Klarträumen und Trübträumen gebildet und auf Zusammenhänge zu Klarträumen untersucht. Von diesen 8 Faktoren korrelierten 6 signifikant mit einer erhöhten Klartraumrate:

„[A] significant difference in INSIGHT, THOUGHT, MEMORY, DISSOCIATION, CONTROL, and POSITIVE EMOTION was found while the differences in NEGATIVE EMOTION and MEMORY were not statistically significant. All differences were again significant at the 1% level with the exception of DISSOCIATON [sic!] (p < .05).“

Das bedeutet, dass es wahrscheinlicher ist, dass, wenn einer dieser Faktoren erhöht ist, ein Klartraum vorliegt. Das mag wahrscheinlich sein, aber nicht zwingend notwendig. Würde ein notwendiger Zusammenhang bestehen, d.h. würde z.B. in nahezu jedem Klartraum auch Kontrolle über den Traumverlauf vorliegen, dann müsste die Korrelation nicht nur hochsignifikant sein, sondern die Effektstärke r müsste nahezu 100% betragen (zum Vergleich: im zitierten Fall beträgt sie 32% zwischen Insight und Dissociation). Signifikanzen geben in der Statistik an, dass die gefundene Korrelation zwischen zwei Faktoren wie z.B. Klarträumen und Traumkontrolle wahrscheinlich kein Messfehler ist. Effektstärken geben an, wie stark der gefundene Zusammenhang ist, d.h. wie häufig er zu erwarten ist. Üblich in der Statistik ist es, die von Voss et al. gefundenen Korrelationen als mittelstark zu bewerten, keinesfalls aber als zwingend. Das bedeutet umgekehrt, dass Klarträume trotz Zusammenhang nicht immer Traumkontrolle, 3.-Person-Perspektive oder einen der anderen 6 signifikanten Faktoren aufweisen müssen und umgekehrt, Träume mit beispielsweise einem hohen Grad an Traumkontrolle nicht zwingend Klarträume sein müssen.

In der Studie wurde dies anscheinend ignoriert. Alle 6 signifikanten Faktoren der LuCiD-Skala wurden auch in der tACS-Studie 2014 überprüft. Das ist an sich unproblematisch und liefert interessante Ergebnisse. Doch nun fanden sich erhöhte Werte für Insight und Dissociation bei einer Stimulation mit 40 Hz und für Control bei einer Stimulation mit 25 Hz. Aufgrund der 2013 entdeckten Korrelationen schien es den Autoren nun billig, Dissociation und Insight als miteinander austauschbar zu behandeln, obwohl die Effektstärke r zwischen beiden Faktoren lediglich 36% betragen hatte. Praktisch wird nun also jeder Traum, ob mit erhöhter Traumerkenntnis oder auch nur aus der 3.-Person-Perspektive erlebt, als Klartraum deklariert. Dies verbessert das Resultat der Studie ungemein, denn die stärkste Wirkung der tACS auf die Träume wurde bei Dissociation, nicht bei Insight, verzeichnet. Im Endeffekt triggert tACS also vielleicht manchmal Insight, viel häufiger aber Dissociation, meist ohne dass diese zu Traumerkenntnis führt. Wenn Dissociation und Insight jedoch so stark verknüpft wären, dann wäre der Wert für Insight und Dissociation gleich hoch und man müsste Klarträume nicht als entweder Träume mit Insight oder Träume mit Dissociation betiteln. Höchstens kann man bei Dissociation von einer höheren Chance sprechen, klar zu werden.

Es gibt weitere Einwände gegen die Sauberkeit der Studie: Etwa ist der Faktor Dissociation, der in der Studie 2013 gebildet wurde, gar nicht reliabel. Das bedeutet, dass die Fragen, die gemeinsam den Faktor Dissociation abdecken sollen, vielleicht gar nicht einen gemeinsamen Faktor abbilden, sondern mehrere verschiedene. Die Autoren hatten dieses Problem erkannt, aber ignoriert - mit dem Hinweis darauf, dass der Faktor Dissociation trotzdem eine gute Unterscheidung zwischen klaren und nicht-klaren Träumen erlaube und somit gerechtfertigt sei.

“Reliability can be regarded as good for most factors (cf. Nunnally & Bernstein, 1994). It is slightly lower than desired for MEMORY and NEGATIVE EMOTION, and too low for DISSOCIATION. We attribute this to the heterogeneity of the constructs. As mentioned before, DISSOCIATION is of high discriminative power with regard to lucid and non-lucid dreams and can therefore considered to be valid (cf. Moosbrugger & Kelava, 2011).”

Ob dieses Vorgehen in Ordnung ist, bleibt hier eine offene Frage.

Auch kann bemängelt werden, dass die Zahl der Probanden in beiden Studien sehr gering war. Dies führt unter anderem dazu, dass die Ergebnisse zwischen verschiedenen Studien stark schwanken können.

Da die Studie aus 2014 auf die von 2013 entwickelte Skala zurückgreift, muss angenommen werden, dass die doch geringen Stichproben miteinander vergleichbar sind. Vergleicht man deren Daten in den Skalen dann aber miteinander, ergibt sich eine weitere Inkonsistenz: Träume, die in der 2013er Studie von den Probanden als „Klarträume“ eingestuft wurden, wiesen im Faktor „Insight“ durchschnittlich einen Wert von ca. 3,4 (von 0 als niedrigstes bis 5 als höchstes) auf. Das bedeutet, dass Träume, welche einen niedrigeren Grad an „Insight“ aufweisen, in der Studie von 2013 nicht als Klarträume gegolten hatten. In der 2014er Studie sieht dies anders aus: Hier wurde ganz davon abgesehen, Klarträume zu definieren und die Probanden danach zu fragen, ob sie einen Klartraum hatten. Nur noch die Faktoren wie Insight, Control, Dissociation usw. sollten graduell eingeschätzt werden. Wie hoch aber mussten diese sein, damit es sich um einen Klartraum handelt? Nimmt man die Daten der Studie 2013 als Anhaltspunkt, so müsste Insight z.B. einen Wert von etwa 3.4 oder höher betragen, damit es sich um einen Klartraum handelt. Stattdessen wurde aber nur darauf geachtet, ob der Wert bei einer Stimulation mit Strom signifikant höher ist als ohne Stromstimulation.

Konkret heißt das, dass Probanden ohne Stromstimulation einen durchschnittlichen Wert von etwa 0,1 in Insight aufwiesen, und nach einer Stimulation von 40 Hz eine signifikante Erhöhung dieses Wertes vorlag: nämlich 0,6. Das Ergebnis ist signifikant, weil eine enorme Erhöhung im Vergleich zum fehlenden Strom vorliegt, jedoch ist sie verglichen mit den Werten, in denen man laut Studie 2013 von einem Klartraum überhaupt erst spricht, viel zu gering. Auch im Faktor Control, der bei 25 Hz signifikant stärker ist als ohne Strom, liegt dieser Wert noch deutlich unter denen mit Klarträumen assoziierten Werten aus der Studie von 2013 (siehe Tabelle). Einzig im Faktor „Dissociation“ besteht ein annähernd gleicher Wert unter 40 Hz wie bei der Studie 2013 bei Klarträumen (siehe Tabelle).

Eine Balkengrafik, die die Faktoren der LuCiD-Skala (Insight, Control, Thought, Realism, Memory, Dissociation, Negative Emotions, Positive Emotions) aus den unterschiedlichen Studien gegenüberstellt. Der auffälligste aber nicht der einzige Unterschied zwischen den Studien ist der, dass bei Klarträumen in der ursprünglichen LuCiD-Studie, die Klarträume klassifizierte und ihre Merkmale und deren Gewichtung festlag, deutlich höhere Werte für Control und sehr viel höhere Werte für Insight (also Traumerkenntnis) auftraten, als bei späteren Studien, die bei denen die von uns kritisierte, leicht abweichende Definition eines Klartraums.

Die Grafik oben vergleicht die Daten der LuCiD-Studie aus dem Jahr 2013 mit denen aus der tACS-Studie aus dem Jahr 2014. Die Werte für die für Klarträume relevanten Faktoren Insight und Control, auf die es für den Träumer am meisten ankommt, liegen deutlich unter den Werten, die der Veröffentlichung aus dem Jahr 2013 zugrunde lagen. Lediglich der Wert für Dissociation ist vergleichbar hoch. Dieser Aspekt der Klarheit ist für den Hobbyklarträumer wenig interessant und, wie wir sahen, kein zwingendes Korrelat von Traumklarheit.

Nicht nur ist der Effekt der 40 Hz Spannung primär einer auf den Faktor Dissocation, während der Einfluss auf Insight viel geringfügiger ist. Der Einfluss auf Insight erhöht diese außerdem im Durchschnitt nicht auf einen Wert, in welchem man üblicherweise von Traumerkenntnis sprechen würde. Das Resultat dieses Ergebnisses ist also, dass der Stromstoß zwar zu einer Erhöhung im Faktor Insight führen kann, jedoch nur in einem so geringen Maß, dass man hier allenfalls von Präluzidität ausgehen kann. Diese könnte zwar Anstoß für eine noch weiter erhöhte Klarheit sein. Ob aber eine häufigere Anwendung dieser Stromstöße tatsächlich auch zu einer Kumulation des gefundenen Effekts führt, oder ob die Erhöhung sich auf dem gefundenen, doch sehr niedrigen Level einpendelt, müsste erst in einer zukünftigen Studie untersucht werden.

Sicherlich ist die graduelle Einteilung von Klarheitsfaktoren eine Bereicherung für die Forschung. Sie ermöglichte es erst, dass die doch eher geringen Effekte auf das Bewusstsein durch tACS aufgefunden werden konnten. Die in der Wissenschaft und der Gesellschaft gebräuchliche Bezeichnung für luzide Träume können dabei aber nicht einfach umdefiniert werden, denn diese sind nicht nur etablierte Begriffe, sondern auch in der Festlegung der LUCiD Skala wurde diese Definition zugrunde gelegt, um überhaupt die gefundenen Faktoren als „Klarheitsfaktoren“ interpretieren zu können. Darum muss sich auch an die dafür gefundenen Werte und festgelegten Definitionen gehalten werden.

So wäre es vermutlich auch nicht zu dem großen Missverständnis gekommen, dass in 77% der Stimulationen mit 40 Hz Traumklarheit vorgelegen hätte. Die zum Missverstehen optimal geeignete Darstellung der Studienergebnisse sorgte nämlich nicht nur unter wissenschaftsfernen Klarträumern für diese falsche Annahme,.

Wegen dieser Definition wurden die Ergebnisse der Studie teils heftig kritisiert. Würde man im allgemeinen Sprachgebrauch Träume mit so einer Beurteilung als Klarträume bezeichnen?

Natürlich interessiert uns die Meinung der Wissenschaftler, die die Studie durchgeführt haben, dazu. Vielleicht gab es ja Gründe für diese Definition, die uns bisher verborgen geblieben sind. Aus der Vergangenheit wussten wir schon, dass Frau Dr. Voss E-Mails von interessierten Hobby-Klarträumern beantwortet. Wir haben Frau Dr. Voss also angeschrieben und um ihre Darstellung gebeten. Nach einigen E-Mails in beide Richtungen sind wir jedoch nicht klüger als am Anfang.

Zu Ihren Fragen inhaltlicher Art: Wir gehen davon aus, dass es nicht "den Klartraum" gibt. Das, was wir für unsere wissenschaftlichen Studien als Klartraum definieren, sind quantitative Ausschläge auf der Bewusstseinsebene zu den Qualitäten Dissoziation, Kontrolle und Einsicht.

Einen Hobby-Klarträumer wird das nicht begeistern. Der oder die Hobby-Klarträumer/in will in der Regel Kontrolle über die Traumhandlung erleben und geht dafür über den Umweg der luziden Einsicht, weil sich Kontrolle eben über die Einsicht leichter erreichen lässt. Einsicht ist sozusagen ein guter Einstieg in den Kontrolltraum.

Der Mail-Austausch endete mit der Bitte, die Studie noch einmal zu lesen. Offenbar vermutet sie ein Missverständnis, das weder wir, noch irgendjemand anderes, mit dem wir über die Studie gesprochen haben, erkennen kann.

Auch Jay von Lucid Sage hat in der Vergangenheit versucht, die Kritik an der Studie in persönlichem Kontakt mit Frau Voss zu ergründen. Auch er kam zu keinem Ergebnis und hatte nicht den Eindruck, dass seine Kritik ankam. In einem Blogpost hat er ihre Antworten auf seine Fragen veröffentlicht.

Vergleich der Studie von Tadas Stumbrys (tDCS) mit der von Ursula Voss (tACS)

Leider sind diese Studien nur bedingt vergleichbar.
  • Es wurden in der tDCS-Studie sowohl erfahrene Klarträumer als auch nicht klar träumende Versuchspersonen verglichen. Das hat Auswirkungen auf die Streuung der Werte für die Klarheit in Nächten ohne Stimulation und somit auf die Effektstärke.
  • Ebenso zeigte sich, dass Versuchspersonen mit Klartraum-Vorerfahrung deutlich mehr von der Stimulation profitierten.
  • Die Definition von Klarheit / Luzidität ist nicht vergleichbar.
  • Die Wirkung auf die Bewusstheit im Traum wurde bei der tDCS-Studie nicht mit der LuCiD-Scale sondern mit einem anderen Verfahren, dem DLQ questionnaire, erfasst. Diese Zahlenwerte sind ebenfalls nicht vergleichbar.
  • In beiden Studien wurden die Gehirne der Versuchspersonen unterschiedlich lange stimuliert.
  • Die verwendete Stromstärke war bei der tDCS-Studie viermal so hoch wie bei der tACS-Studie.
  • Die Anzahl und Anordnung der Stimulations-Elektroden war unterschiedlich.

Beide Studien zeigten, dass sich die Metakognition und die Bewusstheit im Traum durch eine elektrische Stimulation des Gehirns verbessern lassen. Rein wissenschaftlich ist der Erkenntnisgewinn bedeutend.

Im Hinblick auf die tACS-Studie ist noch anzumerken, dass aus Gründen der Vergleichbarkeit nur ‘naive Subjects’, also Testpersonen, die noch nie von Klarträumen gehört haben, an der Untersuchung teilgenommen haben. Möglicherweise hätten in diesem Versuchsaufbau bereits erfahrene Klarträumer mehr profitiert.

Die Langzeitwirkung sowohl der 40-Hz-Stimulation als auch der Gleichstromstimulation wurden nicht untersucht. Deshalb sind auch Risiken und Effekte bei Langzeitanwendung noch unzureichend bekannt.

Fazit

Bei all der Kritik an der Studie möchten wir nicht vergessen, welchen Wert ihre Ergebnisse für die Klartraumforschung haben. Vor der teilweise fragwürdigen statischen Auswertung sind die gesammelten Daten nicht zu verachten und die Erkenntnis, dass eine Wechselstromstimulation des Hirns dessen Aktivität beeinflussen und anscheinend sogar Trauminhalte in eine gewünschte Richtung lenken kann, nicht zu unterschätzen. Jedoch ist die Darstellung, die Studie habe gezeigt, dass tACS den Bewusstseinszustand verändern könnte, aus unserer Sicht auf jeden Fall zu hoch gegriffen.

Wir verstehen, dass für wissenschaftliche Untersuchungen eine Definition eines Klartraums in einem Satz, wie sie unter Hobbyisten üblich ist, nicht immer zufriedenstellend ist, da sie Fälle zulässt, die nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder von unterschiedlichen Personen unterschiedlich zugeordnet wird. Es ist also richtig, die verschiedenen Aspekte, die zu Klarträumen gehören können, in Werten zu erfassen, die vergleichbar und statistisch auswertbar sind. Dr. Voss et al. haben hier mit der LuCiD-Skala einen guten Vorstoß gemacht. Wir würden uns freuen, wenn sich diese in der Klartraumforschung etablieren würde.

In der hier überwiegend behandelten tACS-Studie wurden allerdings für die Auswertung mehrere fragwürdige Entscheidungen getroffen. Die Herkunft der verwendeten Definition eines Klartraums ist nicht nachvollziehbar, die Beweggründe nicht eindeutig. Die statistische Abgrenzung wird den aus in der Vergangenheit gesammelten Daten gewonnenen Erkenntnissen nicht gerecht.

Im zweiten Teil dieses Artikels werden wir Praxiserfahrungen, Versuche von Hobby-Forschern und kommerzielle tACS-Geräte für Konsumenten, die für den Einsatz als Klartraum-Unterstützung beworben werden, betrachten.

Siehe auch:

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Entry created on 2022-07-26 Authors: steeph (376) Categories: Cake (1) Ideas (6) Science Fiction (2) Thoughts (73) Languages used: de (90) edit

Science-Fiction-Idee für ein Backrezept: Ein viraler Kuchen, dessen Rezept durch chemische Prozesse beim Backen auf der Oberfläche geschrieben erscheint. Bilder werden auf sozialen Medien etc. geteilt, mehr dieser Kuchen werden gebacken.

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Entry created on 2022-07-12 Authors: steeph (376) Categories: Podcast (3) Swedish (1) Languages used: de (90) edit

Wüsste ich von einem Podcast, der einem ganz langsam und unbemüht durch Im-Hintergrund-Hören Schwedisch beibringt, dann wäre das der Podcast, den ich jetzt gerade hören würde.

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